Am 28. März 1969 trafen sich, im Nebenzimmer einer Gaststätte in Neumarkt, einige Frauen und Männer, um einen Verein aus der Taufe zu heben, dessen Aufgabe es sein soll, Menschen und ihren Familien, die sich nur schwer selbst mit ihren Wünschen und Bedürfnissen an die Gesellschaft wenden konnten, Lebenshilfe zu bieten.Rosmarie Herrmann, die Mutter eines behinderten Jungen, war die Initiatorin der damaligen Versammlung und Initiatorin zur Gründung der Kreisvereinigung der Lebenshilfe in Neumarkt. Weder in der Stadt Neumarkt, noch in den damaligen Landkreisen Neumarkt, Parsberg und Beilngries, gab es die Möglichkeit, geistig behinderte Jungen und Mädchen in eine Schule zu schicken. Frau Herrmann musste zu damaliger Zeit viele Hürden überwinden, um die Lebenshilfe Neumarkt zu gründen. Die Anstrengungen spiegeln sich in Ihren Tagebucheinträgen wieder.
09.10.1968
Heute ist Thomas (behindertes Kind von Frau Herrmann) 10. Geburtstag. Erwin (ihr Ehemann) überraschte mich mit einer Neuigkeit: In Erlangen haben sich Eltern behinderter Kinder zu einer Vereinigung, genannt „Lebenshilfe“, schon vor Jahren zusammengeschlossen. Nun werden ihre geistig und körperlich behinderten Kinder in einer Art Tageseinrichtung von einem Lehrer und Helferinnen / Eltern betreut. Wir hegen nach längerer Unterhaltung den Wunsch, auch in Neumarkt ähnliches zu probieren. Aber wo sind Eltern mit behinderten Kindern? Ich werde mir mal die Mühe machen, Erkundigungen einzuziehen.
01.11.1968
Heute ist Allerheiligen. Zwei Eltern mit geistig behinderten Kindern ausfndig gemacht. Aber wir werden jetzt jedes Wochenende damit benützen auf`s Land zu fahren und bei den Ortsgeistlichen vorzusprechen, um evtl. Eltern mit behinderten Kindern in Erfahrung zu bringen.
06.11.1968
Es gibt wirklich eine Schule in Ruppmannsberg /Mittelfranken. Wir haben einen Termin mit Landrat Greiner von Hilpoltstein vereinbart. Er wird uns vom Beginn dieser Schule erzählen und uns Tipps geben können. Heute waren wir in Mühlhausen. Wir hatten eine Adresse von einem Arzt bekommen. Aber es war sehr erschütternd, dass ein Menschenkind in so einem Zustand noch leben kann. Das ist ein reiner Pfegefall. Das Kind wird nie eine Schule besuchen können. Diese Eltern, ich bewundere sie. Ich habe den verstärkten Wunsch, in Neumarkt eine Elternvereinigung zu gründen. Werde diese Eltern öfter besuchen. Sie freuten sich trotzdem über meinen Besuch.
12.11.1968
Habe heute in Neumarkt wieder eine Familie besucht. Sie hat einen 16jährigen Sohn, aber er befndet sich schon seit einem halben Jahr im Heim. Die Eltern wollen ihren einzigen Sohn dort lassen. - Einen weiteren schweren Fall in Neumarkt entdeckt. Das Kind ist sechs Jahre, aber wieder ein Pflegefall. Ich habe der Mutter angeboten, sie darf ihr Kind zu mir bringen, damit sie einmal in der Woche entlastet wird und Besorgungen
machen kann. Nächsten Mittwoch kommt eine Frau mit ihrem Kind. Ich bin glücklich, dass Thomas laufen kann. - Habe zwei weitere Mütter besucht, deren Kinder sind nicht so schwer behindert, aber sie wollen nichts von einem Verein wissen.
14.11.1968
Wir haben mit Herrn Landrat Greiner gesprochen. Er hat uns erzählt, wie er diese Schule in Ruppmannsberg mit aufgebaut hat. Wir sind jetzt guter Hoffnung, wenn das in einem so kleinen Ort möglich ist, muss es auch in der Schulstadt Neumarkt möglich sein.
Von der Schule waren wir hellauf begeistert. Es ist eine alte Dorfschule. Die Lehrerin und die Kindergärtnerin waren bereit, uns alles zu zeigen und uns jede Auskunft zu geben. Es sind dort 29 Kinder. Sie werden mit Bussen geholt. Das Essen bekommen sie aus einer Wirtschaft. Ich wollte Thomas gleich dorthin schicken, aber sie dürfen nur aus Ihrem Landkreis annehmen. Außerdem hat die Schule selbst nicht genügend Platz für alle Kinder aus dem dortigen Landkreis. Wir werden wieder hinfahren und uns Material über Spielzeug/Möbel usw. holen.